ZUSAMMENKOMMEN IN  „LES GETS“

 

( Festival  in  Les Gets  2006 )

 

 

 

 

Les Gets, Juli 2006. Zwölfte Edition des Internationalen Festivals der Mechanischen Musik. Die Organisatoren des Festivals folgen die gute Tradition den Teilnehmern ein Thema vorzuschlagen, das jeder, gemäß seinem Schöpfungsgeist, beachten musste.

Das Thema dieses Jahrs war: „Das Bild“.

 

 

                             

 

 

Die Frage war, wie soll man dieses Thema Ehren?

 

Mit Bildern, die, die Möglichkeit geben dem Traditionalen Musikrepertoire zu entfliehen, um andere Zeiten, andere Geschichten, andere Atmosphären zu befreien und natürlich andere Musiken zu spielen.

 

Unsere Bilder und Musik sollten, vor allem für das Publikum,  eine „neue Grenze“ setzen, aber nicht nur ihm, sondern auch dem Arrangeur (um das Repertoire zu verjüngen, um neue Musik zu erschaffen, um der Anfrage für neue Mechanische Musik einen Stoss zu geben).

 

Den Ohren des Publikums, haben wir 41 Musikrollen von berühmten Filmmusikstücken aus sechsunddreißig Filme vorgeschlagen, fast alle Oscar Filme.

 

Ihren Augen, präsentierten wir riesige Plakate der gleichen Filme, Meisterwerke der modernen Graphik, sowie achtzig kleine Figuren mit dem Gesicht der Hauptschauspieler (inbegriffen, Carioca aus „Saludos Amigos“).

 

 

                   

 

 

Diese Bilder und Melodien sind die gegenwärtigen geerbten Erinnerungen der Erwachsenen.

 

Wir versuchten von „der alten Drehorgel“, „Ikone des Anfangs Neunhunderts“, abzuweichen,  das war ja die Zeit unserer Urgroßväter. Wir wollten die Orgel auf ihre ursprüngliche Instrumentsfunktion  zurückführen, als noch allen erlaubte war eigene Musik zu produzieren.

 

Die Musikstücke die wir hören ließen, wurden alle nach der „Goldenzeit der Drehorgel“ komponiert. Es handelt sich um Filmmusik die man nicht nur im Kino hören kann, sonders auch im Radio, auf der Schallplatte oder jüngst, mit dem CD Spieler.

 

Das älteste Musikstück datiert von 1942 und war „As Time Goes By“ aus dem Film „Casablanca“.  Das  jüngste, von 1997 „The Roses“ dem Film „Titanic“ entnommen.

Bekannte Musikstücke die man nie vergisst. Viel gesehene Bilder die nie auslöschen.

 

Im dunklen unseres Hirnkasten geht es vor wie im Kino, diese Melodien und Bilder haben die Macht unseren persönlichen Erinnerungsfilm einzuschalten, sie erzählen eine Geschichte.

 

Ja, sie erinnern uns auch ein wenig den Film ... aber vor allem erinnern sie unseren persönlichen Film ...  der,  irgendwie von diesen Stimmen und Szenen heraufbeschwört wird.  Genau so wie die Märchen, von Zwergen, Stiefelkatern und Feen belebt, die Kindererlebnisse zusammenhalten, kleben diese Melodien und Filme, die Erlebnisse der Jugend und der Erwachsenen der Kinogeneration zusammen.

Man muss nicht vergessen dass seit 1895,  das Kino den Bänkelsänger verdrängt hat.

 

 

                             

 

 

Das Kino ist aber auch Kultur. Die Bildkultur. Die neue Sprachform mit der man lernt, mitteilt und erinnert.

 

Wer unsere Bühne besuchte fühlte sich „Zu Heim“: und es ist nicht nur eine Redensart! Die Zuschauer fühlten sich  „die Protagonisten“ weil sie Sachen gefunden haben die ihnen angehörten: nicht nur alte und Ehrwürdige Wurzeln, sondern auch grüne Zweige, voller lebenden Ereignisse und Erregungen.

 

 

                   

 

 

Als Marcel Proust den Geschmack einer, im Lindente getauchter Madeleine, im Mund fühlte, öffnete sich der Vorhang seines persönlichen Erinnerungskinos. Sofort vergegenwärtigen sich Bilder und Erlebnisse seines Lebens. Leben, wo er selbst Protagonist war: mal, in der Rolle eines unbewussten Schauspielers, mal als bewusster Zuschauer; und mit ihm spielten auch andere Personen, jede mit ihrer eigenen Lebensgeschichte,  aber jedes Geschehen mit den Geschehen von Marcel verwickelt.

 

Gerade diese Verflechtungen haben uns geholfen einen Titel und ein Bild für unsere „Leistung“ zu finden.

 

„Das Erinnerungskino“

Sehbare und Sonore Madeleine

Auf der Suche nach der verlorenen Erinnerung

 

Dort, in Les Gets, auf der grünen Wiese, ständiges Set von Lucette & Giangili, verwickelten sich die Geschichte jedes Zuschauers, mit den Musiken und Erlebnisse der Filmgestalten mit dem wirklichen Leben der Schauspieler: ein Fadengewirr, Gewebe eines wunderschönen Gobelins der Zeit und Geschichten der heutigen  Menschen.

 

 

                   

 

 

Schon seit der Geburt erwarten wir mit Verlangen ein freundliches zusammenkommen mit unseren Mitmenschen. Begegnet sein und auch sich selbst begegnen. Empfangt werden und im gleichen sich empfangen...

Ohne Begegnung und Empfang verliert man sich.

 

Auf der grünen Bühne von Lucette & Giangili wurden alle empfangen und alle haben sich getroffen...  aber es war nur der Anfang.

 

Lucette & Giangili wurden, mit dem hineinziehen der Zuschauer in das Spiel mit den Schauspielerfigürchen, in die Erzählung ihres Lieblingsfilm oder in die Auswählung der Musiken, zu hören oder sogar zu „drehen“, die Vermittler zwischen der zeitlichen Anwesenheit des Zuschauers und dem Schicksal das sie bis dort geführt hat.

Es passiert so! Es kommt immer so vor!

Unvermeidlich geschieht es, sie erzählen selbst! Sie, erzählten uns ihr Erleben! Die Rollen verkehrten sich! Der Zuschauer wurde Erzähler! Schilderte Geschichten, die eigene Geschichte.

 

Die Zuschauer näherten sich der Bühne als ob sie nichts wussten, aber mit faulen Schritten, so wie die, die schon wissen um was es geht ... und „Ciak“ ein Sprung aufs Set, und schon waren sie die Zentrale Gestalt! In einem Augenblick fühlten sie sich wirklich wie der erwartete Held des Festivals!

 

 

                   

 

 

Das Orgelsingen (diesmal befreit von der grausamen Sehnsucht der Vergangenheit) begleitete die Reise des zeitgenössischem Erlebten: ohne Bedarf von Kostüme, da die Erinnerungen immer die Bekleidung ihrer Zeit tragen.

Jeder erzählte von seiner Begegnung mit seinem Film, mit seinem Motiv, mit Gilda und Gary Cooper,  die Reifeprüfung und Ingrid Bergmann, mit Rossella und Omar Sharif, oder im Karussell mit Tati  oder auf dem Prater Ring mit Orson Welles ...

Sie sprachen von dunklen Kinosälen, von den ersten Küsse; erzählten von Liebesaffären, von Gatten; von Kriegeszeiten und von zerbrochenen Freundschaften; von Kindern und  von geschehene oder nie gewagte Trennungen...

 

 

 

 

Sie fotografierten sich vor dem Film der sie beeinflusst hatte, oder neben dem Bild von Marlon Brando, die unmögliche Liebe ... (aber im Festival kann alles geschehen und ein oder eine, untröstliches Opfer, hat bei Nacht das Bild vom „Letzten Tango“ gestohlen).

 

Auch Lucette & Giangili erzählten sich und vertauschten persönliche Erlebnisse: ... Giangili wäre gerne Gary Cooper gewesen, der von „Zwölf Uhr Mittags“, es gibt ein Grund dafür und er erklärte ihn...

 

 

              

 

 

Es gab für alle etwas, auch für die, die nur ein kleines Erleben hatten. Die Kinder drehten gerne die „Kurbel“ um richtige Musik zu produzieren „Bibbidi, bobbidi, bu“, in einem Augenblick verwandelte sich die Kurbel der Drehorgel in den Zauberstab der Aschenbrödelfee! Die stolze Väter fotografierten alles, sicher werden dann die Kinder diese Fotos ihren Freunde zeigen und erzählen (nicht von Lucette & Giangili): „in Les Gets ließen sie uns die Orgel spielen und wir haben Aschenbrödel gespielt!“: sie werden die Mechanische Musik nie vergessen und vielleicht auch nicht uns zwei..

Genau so wie Kilian, dem wir im Jahr 2004 begegneten. Damals spielte er die Musikrollen von Fournier mit den Kinderliedern: „Quand trois poules ..., „Gugusse“, „Ah! Les crocodiles“. Um uns zu suchen wollte er auch dieses Jahr an das Festival begleitet sein. Als er uns sah, rennte er uns zu. Diesmal spielte er aber ohne auf den Stuhl zu steigen. In der Schlussparade haben wir miteinander die Drehorgel gestoßen.

 

 

         

 

 

Die Filme, die wir zum Festival gebracht haben, erzählen heutige Geschichten die wir „nochmals“ für ihren metaphorischen und Pädagogischen  Inhalt  „brauchen“ können.

Diese Auswahl ist nicht zufällig und wurde nicht in Funktion der Schönheit der Musik oder der Grafik des Posters gemacht. Es ist eine gezielte und bewusste Wahl des Erzählers der dem Besucher seine eigene Rede zuflüstern will, das Recht des Artisten der Kultur offeriert obwohl nur mit einer Orgelkurbel. „La Rosa purpurea del Cairo“ (Die Purpur Rose aus Kairo), „ C’era una volta in America“ (Es war einmal in Amerika), „Blade Runner“, „Truman Show“, und noch „Un uomo, una donna“ (Ein Mann, eine Frau), „La signora in rosso“  (Die Frau in Rot), „Mezzogiorno di fuoco“  (Zwölf Uhr Mittags)...

 

 

 

 

Schon Früh am Morgen, machte sich das Publikum auf die Reise, sicher das es nur Musik und Erinnerungen aus der Zeit des Urgroßvaters hören und sehen würde. Als sie ankamen, haben sie ein modernes und gut ausgestattetes Dorf gefunden, mit vielen öffentlichen Arbeiten in trieb um sich noch besser den neuen Sportsmoden anzueignen.

 

Die Zuschauer haben dann ein modernes Museum der Mechanischen Musik besucht, reich mit wertvollen Stücken von begabten, ideenreichen, geschickten Orgelbauern. Vor zweihundert Jahren  war’s die „Modernität“.  Hier konnten sie auch Musik hören und Kostüme ansehen.

 

Am 14 Juli, feierten sie die Revolution, die Europa und die Welt veränderte, die eine neue Zeit eröffnete. Dann nahmen sie am leckeren „Banquet Republicain“ teil,  zusammen mit den Drehartisten aus der ganzen Welt. Man Aß, spielte, tränkte und tanzte.

Alle begegneten sich mit Musik, Farben und Spiele.

Aber auch die Besucher wurden erkannt.

Von Lucette & Giangili.

 

Mit dem Vergehen der Jahre, verwandeln

sich die Erinnerungen in Videothek

Aus der wir die Möglichkeit haben eine

Spielspule zu entlehnen um eine Erlebnis

wieder aufzufrischen.

 

Franco Mondini

 

Nein, Lucette & Gingili waren nicht die Regisseure der Erlebnisfilme des Festivalpublikums.

Lucette & Giangili, haben nur, so wie Philippe Noiret in der Rolle des Filmprojektors in „Nuovo Cinema Paradiso“ , allen gelernt ihren eigenen Film zu erzählen und vorzuführen.

 

Miteinader, begegneten sich Gefühle die mit Zurückhaltung anvertraut wurden, zusammen haben wir gelacht und auf der Wiese getanzt ... jeder gab für jeden Abschnitt ein Stückchen von seinem Herz.

 

 

 

 

Es gab keine Gefahr das der Besuch auf der Fläche von „Lucette & Giangili“ sich in ein Ahnefriedhofsbesuch verwandelte, im Gegenteil, es war eine bezaubernde Fläche die in jedem, Kinder inbegriffen, freundliche oder melancholische aber lebende Erinnerungen beschwört.

 

Wegen dem wollten sich die Besucher nicht von unserer Bühne entfernen, und verlangten dass man ihnen Bänke hertrage, um sich zu setzen; wegen dieser Vertrautheit kamen die Leute auch im Finsteren zurück um noch einwenig zu erzählen, Musik hören und  Musikrollen drehen.

 

Auch wegen dem, als wir uns während der Schlussparade mit allen grüssten,  rufen uns viele mit unseren Eigennamen um uns zu grüssen, ja gerade uns, wir, die jetzt einige Fotogramme ihres und unseres Leben bewahrten.

 

Als die Prämierung am Ende war und wir schon im Auto waren um wieder nach Italien zurückzufahren passierten zwei Ereignisse die wir gern erzählen.

Ein Zuschauerpaar das während dem Festival uns von Filmen erzählte und mit uns Musizierte sagte:  „Auf Wiedersehen ! Sie singen nicht und sie sind nicht Sänger ... aber sie sind  wirklich bezaubernd!“.

Dann kam ein Kollege der ein originellen Hut besaß der uns sehr gefällte: er hob sein Hut vom Kopf und schenkte ihn uns ... ich war so überrascht dass ich mich nicht einmal kümmerte ihm mein Hut zu schenken!

Das sind die Preise die uns am Festival erkannt wurden.  

 

 

 

 

Marcel Proust, titelte sein monumentales Werk:  „Auf der Suche der verlorenen Zeit: viele Bände, jeder mit eigenem Titel, der letzte heißt „Die wieder gefundene Zeit“.

 

Dies war auch der Sinn der „Performance“ von Lucette & Giangili, mit „Baldo“, die Drehorgel (Fournier 35E),  am zwölften Internationalen Festival der Mechanischen Musik - 2006,  in Les Gets.