GUTE NACHBARSCHAFTS VERHÄLTNISSE

 

( Festival in Chassiers 2006 )

 

 

 

 

Ich Erinnere noch die Schaufenster der ersten Nachkriegszeit, in denen neue Kleider ausgestellt waren die aber schon alt Aussahen. Die Mode hatte sich noch nicht „Befreit“.  Auch die Schaufensterpuppen waren die von früherer Zeit. Körper und Gesichter verändern sich nicht in einem Augenblick.

 

Wer weiß wo sie hingehen wenn sie in die Pension gezwungen sind. Ich meine die Schaufensterpuppen.

Eine hab ich vielleicht noch gekreuzt.

 

 

Die Dreher, in ihren Kostümen, die aus der Mode sind,  stoßen die Wägelchen mit den Instrumenten und erreichen den Standort der ihnen zugeteilt ist. Untereinader grüssen sie sich freundlich und herzlich für die wiederholte Begegnung.

Die ersten Scharen der Zuschauer, die dann später das große Publikum bilden, dringen in die kleinen Gassen und mit faulem Auge suchen etwas Interessantes zu sehen...

Dort ist was! Grosse Schachteln .... die mit Kraft und Sorgfalt  von einem Festivalteilnehmer herum gestellt werden: sein Instrument ist schon aufgebaut ... was ist denn in denen drin?

Die Neugier belebt die Augen und verlangsamt den Schritt des Zuschauers.

Der Mann öffnet den ersten großen Behälter.

Ein Kind rennt zu und ruft: „Schau mal, Schau mal!“

Ein menschlicher Körper taucht aus dem vertikalen Grab, jetzt ohne Deckel:  es ist aber nur ein Oberkörper  ...  der Rest wird dann aus dem zweiten Behälter ausgegraben.

Man weiß nicht ob man vor einem Mörder oder vor einem Zauberer steht.

Um den Mann bildet sich ein Menschengrüppchen.

 

 

Das ist ein Hexenmeister mit seiner Kreatur! Ein Automat in menschlicher Größe. Nein, er ist nicht schlecht zusammengeflickt und zeigt keine violette Narben: schon ist es erschütternd ihn halb seziert vor sich zu sehen.

Die Leute sind jetzt ganz von der Montagearbeit fasziniert. Auch für den „Gebieter“ ist es ein begeisternder Moment.

„Et ego Creator!“. Eine biblische Darstellung!

 

 

Jetzt ist der Automat aufgebaut, ganz, und auf dem Fuß, die Hand an der Drehorgelkurbel befestigt.

In alten Filmen zeigte, der Regisseur, immer die Hand des Magiegelehrten auf dem Hebelschalter der, der Puppe den „Lebens Funken“ sprühte, (natürlich elektrischer!) ... für einen Augenblick blieb das Bild still ...  und dann  hinunter!

Auch hier erwartet das Publikum mit Angst den Augenblick der Geburt ... Mit mehr oder wenigem Bewusstsein assistiert man einer Darstellung die tiefe Anregungen aufweckt die mit der Geburt zu tun haben ... Suspense, Erwartung und freundliches Empfangen.

 

                             

 

Jetzt ist der Stecker in der Steckdose. Die Energiekraft ist eingestellt aber die Kreatur bewegt sich nicht. Sie widersetzt sich nochmals zu gebären. 

Endlich entschließt sie sich der Lebendigen Welt anzupassen, in der einzigen Art die sie kennt: Kurbeldrehen und Musik Töne produzieren.

„Sie lebt! Sie lebt!“ Alle sind erleichtert und im Inneren erfreuen sich noch dem lebendem Volk anzugehören.

Szenenapplaus!

 

                             

 

Für den, der Geschichten erzählt, ist der Automat ein Subjekt reich an angehaltene Versprechen.

Die Automaten erscheinen zum ersten mal in der Ilias von Homer: „der alte hinkende Vulkangott (Hephaistos) wurde von goldenen Jungfrauen gestützt den Lebenden gleich, mit jugendlich reizender Bildung“. Dann kamen die „Skelettdiener“ von Petronio. Pfauen, Trompete und Pferd in „Tausend und eine Nacht“. Lanzelot muss die, mit kreisendem Schwert bewaffnete Automaten angreifen; während Tristan dem Reiz und Duft der belebten Statue mit den Züge von Isolde  nicht widersteht. Man soll auch nicht die findige, konkrete, witzige und metaphorische Ente von Vaucanson, vergessen. Aus dem Mittelalter stammen die Stundenschläger („Jacquesmart“, Abstammung von Jakob mit dem Hammer oder auch Jack of the Clock), Eisenmänner die mit dem Hammer die Stunden auf der Stundenglocke schlagen. Es gibt die „Mori di Venezia“, „Maurizio“ von Orvieto und noch, die Prozession der zwölf Apostel in Prag mit dem krähenden Hahn und einem Skelett das die Sanduhr umstoßt; dann noch, der „Zytglogge“ in Bern, mit dem mechanischen Spielwerk mit krähendem Hahn, Hofnarren und Aufmarsch von  Bären, wo sogar der Ritter der Stundenschläger ist!

 

           

 

Im 18. Jahrhundert gebären: der unvergessliche Frankenstein, Olympia von Hoffmann, Hadaly von Villiers de l’Isle-Adam, Maria in „Metropolis“ und warum nicht auch Pinocchio ...

1923, kommt die Apotheose, Léon Massieu schreibt „La Cité des Automates“, der Name der Stadt, natürlich „Vaucanson“!

Dann denkt die Science-Fiction daran uns die Verdächtigung einzusickern das unser Nachbar ein Androide sein könnte ...

 

                             

 

Schon seit dem Altertum hat der künstliche Mensch etwas Geheimnisvolles in sich dass das Publikum verblüffte. Eine dunkle Seite, die schaurige Zauberkräfte heraufbeschwört, die in mysteriösen Laboratorien, voll mit Stoffmitteln und Instrumente, geschehen, in denen ein verbarrikadierter Magiegelehrter geheime Zauberformel, die nicht unserer Welt angehören,  aus dem „Buch der Wissenschaft“ vorliest.

Das Bild des  „Schöpfers“ hat den Vorsitz: der gelehrte Zauberer, unruhig in seinem Inneren, ohne Gesellschaft, ganz beschäftigt sein großes, widerstandsfähiges, Empfindungsloses, unsterbliches „Doppel“ zu erschaffen.

Fühlt er sich Gott? Ach nein, höchstens Uhrmacher...

 

                                        

 

Nun aber gehen wir wieder zum Automaten aus Chassiers zurück,  der sich zum Glück, noch nicht gegen seinen Erbauer rebelliert (momentan noch nicht) so wie es die Literarische Tradition wünscht.

 

Er spricht nicht, aber bewegt den Kopf und blinzelt, mit dem Charme eines unerschütterlichen  Clark Gable, dem Publikum  zu.

Sein Kleid, gleicht genau dem seines Schöpfers, auch der ist von wenigen Wörtern, streng, aber ironisch und witzig. Vor allem lebt er: gerade das was die Kreatur nie ganz sein kann, ein „Doppel“ des Schöpfers.

 

Das Schauspiel ist am Ende.  Das Vergnügen war die Montagearbeit. Die Klimax, war im Augenblick der Energieversorgung erreicht. Dann blieb nur die obsessive Monotonie der Gesten.

Diese scheinen wie eine ironische und melancholische Metapher des Drehers, der dreht, dreht, dreht und spielt, spielt, spielt Musiken aus einer vergangenen Zeit, die heute aus dem Gewissen der Zeitgenossen verschwunden ist : Starrheit und Treue zu einer Epoche hatten die Oberhand über die Leistungsfähigkeit und Fähigkeit des Instruments und des Künstlers. Aber der Automaten hat keinen Ausweg vor sich. Er ist peinlich unlebig aber auch nicht  dramatisch Tot, weil er nie Lebendig war. Seine Freiheit wird er nur am Ende des Festivals finden, wenn er wider Zergliedert wird und in seine beschützende Bahre zurückkehrt.  

 

Gerade der Platzt gegenüber dem Automaten wurde Lucette& Giangili zugestellt.

 

 

Lucette & Giangili, erzählen Geschichten und benützen das japanische Erzähltheater Kamishibai, natürlich begleiten sie sich musikalisch mit der Drehorgel.

Wir hatten schwierige Momente.

 

Man weiß ja, die Automaten haben Menschenzüge, aber sie sind nur mechanische Maschinen ohne Fleisch, Nieren, Magen, und viele andere nützliche und delikate Komponente die helfen die menschlichen Relationen zu verwalten...

Für die zwei Erzähler war es schwierig die notwendige Voraussetzung für eine Abwechslung der Stimmen und Lautstärke zu erlangen, um dass man auch ihre Stimme und ihr Instrument hören konnte.

Es war schwierig aber im gleichen auch eine Gelegenheit für Lucette & Giangili eine nötige Erfahrung zu machen.

 

 

Es ging so. Der Streckenlauf stößte das strömende Publikum gerade zum Automaten. Die Neuheit des Objekts und sicherlich auch sein trübes,  anspielendes und unterschiedloses anblinzeln, ob Frau oder Mann, machte dass sich die Leute, im Kreis, um ihn stellten und den Erzähler, die auf der andere Seite des Sträßchens waren, den Rücken kehrten.

 

Es gibt eine Zeit für jedes.  Auch die Erwartung dass etwas geschieht hat seine eigene  Zeit. ... dann plötzlich gescheht es dass die Enttäuschung der Monotonie den Mensch in Bewebung setzt.

So kamen sie dann um die Erzählungen, für Kinder und Erwachsene, von Lucette & Giangili anzuhören.

Das Publikum begegnete den Wörtern, die für jeden persönlich lauteten, sodass es sich wie „Zu Hause“ fühlte.... 

 

 

Die Geschichten sind nicht die der Tradition, Ablauf und Abschluss sind nicht bekannt, die Ereignisse gehören dem täglichen Leben der Zuhörer an. Die Augen der Zuhörer fixierten die unbewegten Bilder des kamishibai,  die Wörter des Erzählers belebten sie in ihren Herzen.

Mit Lucette & Giangili, begegnet man dem Leben: das mit Blut, Cholesterin und Gefühle...

 

Es war nicht einmal nötig unsere Musik zu spielen: denn die Musik des Automaten war ein angenehmer musikalischer Hintergrund ...  um die Wörter gut zu verstehen, machten sich die Zuhörer ganz nah, die einen and die andere.